Constanza Camila Kramer Garfias

/ SILVIA INSELVINI

Eröffnung / 19.05. / 19.00-22.00

Ausstellung / 20.05. - 02.07.

Galerie Benjamin Eck

Pestalozzistr. 14 / München

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Constanza Camila

Das Projekt AUTOBAHN EVOLUTION handelt von einer fiktiven Evolution textiler Objekte. Ausgangspunkt für dieses Experi- ment ist das Projekt AUTOBAHN (2021), welches sich mit dem Narrativ des Freiheits- gefühls auf deutschen Autobahnen beschäf- tigt. Durch die plakativen und einfach zu manipulierenden visuellen Ebenen, war die- ses Projekt prädestiniert für die weitere Er- arbeitung einer Evolutions-Geschichte.

Hierfür gibt es zwei unterschiedliche An- sätze: Der erste Ansatz ist die Ausarbeitung von evolutionistischen Entwicklungsstufen die aus einer einzigen Entität heraus entste- hen. Dieses Schema ist an das Prinzip der „Autogamie“ angelehnt. Autogamie oder Selbstbefruchtung genannt, ist eine Form der Fortpflanzung, bei der nur ein Elternteil vorhanden ist oder genetisch zur Fortpflan- zung beiträgt. Eine Form der Fortpflanzung die bis dato von einigen Pflanzen, Tieren und Pilzen genutz wird. Die Möglichkeiten der genetischen Rekombination sind allerdings deutlich geringer als bei aus verschiedenen Individuen hervorgehenden Nachkommen.

Diesen ersten Ansatz des Projekts bilden die Kunstwerke aus der Kategorie „Generation Overload“. Hierzu werden zwei unterschied- liche Textile Arbeiten innerhalb ihrer eigenen Entität einer Art aus sich entstehender Evolu- tion unterzogen. Die besonderen Merkmale ihrer eigenen „Spezies“ werden von Genera- tion zu Generation weiter zugespitzt, und es bilden sich visuelle Transformationen die ins
Superlativ abdriften, somit ins „overload“.

Der zweite Ansatz für das Projekt bildet die Kategorie AUTOBAHN EVOLUTION selbst. In dieser Kategorie geht es um die Kreuzung zweier Textilien und den daraus re- sultierenden Nachkommen. Wie werden die unterschiedlichen DNAs beider Textilien sich auf die nachfolgenden Generationen auswir- ken? Und welche visuellen Ebenen und Teile werden sich gegen andere durchsetzen?

Das Projekt wird durch Gespräche mit einer in der Genetik-Forschung arbeitenden Wis- senschaftlerin begleitet und unterstützt. Die Auseinandersetzung mit Fortpflanzung und DNA dient diesem Projekt als Rahmen um mit kritischem Blick die Thematiken von ge- netischen Weiterentwicklungen in zum Bei- spiel der Tier- und Pflanzenwelt zu prüfen. Mit dem Ziel der Weiterentwicklung einer Spezies eine Superlative der voran gegange- nen Generation zu erreichen, fokussiert man sich darauf genetische „Monster“ zu erschaf- fen. Sind leistungs- oder produktionsorien- tierte Kriterien an denen sich menschliche Interessen unter kapitalistischem Einfluss, messen lassen die passenden Richtlinien um Evolutionen zu bemessen? Das sind die Fra- gen denen es sich zu stellen gilt.
Die aus dem Projekt resultierenden Werke werden zu Jacquardgeweben erarbeitet und in Kollaboration mit der Weberei Tessitura Taborellin in Como/Italien produzuiert. Finale Umsetzung im Mai 2022.



Silvia Inselvini

Silvia Inselvini (geb. 1987) führt seit Jahren eine beobachtete Zeitforschung durch die kontinuierliche, unerschöpfliche und geschichtete Wiederholung präziser Gesten durch und organisiert die Herstellung der Arbeit mit einer rigorosen Methodik. Zu ihren jüngsten Veranstaltungen im Jahr 2022 gehören der VAF-Preis in Kiel, die Tongyeong-Triennale in Südkorea und die Gemeinschaftsausstellung „Anàstasi: turbamenti, immersioni, attese, rinascite“, eine Preisverleihung, die von ArtamCup für ihre 6. Ausgabe am Veranstaltungsort Pietrasanta organisiert wird Galleria Giovanni Bonelli, mit vier Künstlern, die von der Jury als besondere Erwähnung ausgewählt wurden. 2021 gewann sie den Best Talent Prize und den Best NICE artist bei Paratissima, war Finalistin beim XV Arte Laguna Prize.

In dem historischen Moment, in dem wir leben, in dem alle Gewissheiten der Realität und unserer Beziehung zu ihr zusammengebrochen sind und in dem wir eine neue und andere Erfahrung in Bezug auf die traditionelle Wahrnehmung von Zeit und Raum gemacht haben - beides auf einem Material und mentaler Ebene - Silvia Inselvinis Forschung sticht noch stärker in der subtilen Reflexion der menschlichen Existenz hervor. Tatsächlich ist Notturni eine Serie, deren Wurzeln vor der aktuellen Situation liegen, die aber gerade wegen ihrer einsamen und befremdlichen Dimension eine noch größere Bedeutung erlangt.

Inselvinis Zeit bemisst sich nicht in Stunden und Minuten, sondern in jenen kleinen und kontinuierlichen Transformationen, die die Geste auf der unberührten Oberfläche des Papiers zu bewirken vermag, die den unaufhaltsamen Fluss so großartig markiert, als Summe, aber gleichzeitig auch eine Subtraktion, von Spuren und Momenten. Die reale Zeit des Schaffens wird so in eine Aufhebung erweitert, die die Grenzen überschreitet, die ihr durch ihre gewöhnliche und traditionelle Konzeption auferlegt werden.

Die Arbeit materialisiert sich somit in einfachen Kompositionen, die aus potenziell unendlichen Nebeneinanderstellungen von mit Tinte verdunkelten Blättern bestehen, die sich dieser Geste in ständiger Wiederholung bewusst sind, die sich in ihrer Summe aufhebt und ein rituelles Streben nach dem Jenseits durch eine immer begleitete Praxis zum Leben erweckt durch den Duft von Tinte und das Summen der Feder, die in einer obsessiven Bewegung ohne Unterbrechung auf dem Papier zu tanzen scheint. Auf diese Weise eröffnet sich eine eindrucksvolle Darstellung von großer spiritueller und metaphysischer Wirkung, die den Betrachter in den chromatischen Wirbel der Dunkelheit einhüllen kann, der durch eine Reihe unerwarteter und unvorhersehbarer Signaturen entsteht, die zur Materialisierung der rituellen Besessenheit des Künstlers werden, auf halbem Weg zwischen Wiederholungen körperliche Ertüchtigung und konzentriertes geistiges Arbeiten.

Aber die Dunkelheit allein hätte keinen Existenzsinn und wird genau durch das unerwartete Auftauchen ihres leuchtenden Gegenstücks definiert, dank des Schillerns und Nachhalls, das nur auf diese Weise behandelte Tinte bieten kann. In der extremen Summe der Zeichen nimmt die Dimension der in einer unverständlichen Schrift wiederholten Geste greifbare Form an und kristallisiert sich in Blättern mit einer sich zutiefst verändernden Seele heraus, die in Zeit und Raum schweben.

Und so erwachen wir, nachdem wir in ihre tiefste Dunkelheit hinabgestiegen sind – eingedenk auch der schlaflosen Nächte des Künstlers, die Blatt für Blatt mit der gleichen Farbe wie seine Werke gefärbt sind – aus dieser Erstarrung, bereit, uns erneut nach dem Sinn unserer zu fragen Dasein und unsere Zeit, ständig im Gleichgewicht zwischen Schatten und Licht, Stille und Offenbarung, Leichtigkeit und Besessenheit.